Der Große Tag des Schwarmspagats

Stefan Zoellner Koan Der Grosse Tag des Schwarmspagats

Wir untersuchen Gewölle, 1993, Collage, from the series “KOAN”

Der große Tag des Schwarmspagats

Der Manager der Dämmerung befiehlt
Gegenstromwichtigtuer gleite ins Banale
wie in einen trägen
besonders leicht zu bewältigenden Fluß
So wie du früher mit geschlossenen Augen
gegen den Druck des Windes angerannt bist
daß dein Haar dekorativ zu Berge stand
so sollst du nun mit offenen Augen
und verklebten Haaren auf Stromschnellen
Wasserfälle Sickergruben usw lostreiben
denn das Banale wird wieder reißend
Der Manager des Tages erklärt weiter
Sollte der Moment kommen
wo der Blitz den Tanz deiner Blätter
wie eine Zufälligkeit auseinanderschlägt
wo ein einzelnes Blatt glaubt
den ganzen Baum zu ernähren
so spalte dich
oder werfe alle Ideen wie Herbstlaub ab
Der Manager joggt weiter
mit hechelndem Morgenatem
Du mußt das Zuviele in die Form
eines Tropfens bringen
eines Tropfens der fällt
Damit es wie eine Linse
das dünnsuppige Schwache
zu einer Nadelspitze bündelt
Dazu sei im Banalen
Schneid dir die Augenlider ab
dein Blick ist ein Vektor

Erschöpft fällt der Manager des Tages
in seinen Schwarm zurück

Zen 1994

Sandiges Spreitzfett

zwischen deinen Schwarzhaarigen,
Türen die beim Angeln stöhnen
nein, in den Augen
wo schwarze Schmiere wie schlierige Schmincke klumpt
so wie Salz & Brotkrümmel
die Haut der schwarzen Nacktschnecken ritzen
zungenküssende Kampfpartner
Schaum & Speichel des Todes …
Schwarze Haare wie Wolle auf dem Küchenboden
rostige Schere mit Blut in den Schenkeln
Schändung … schlechte Frisur
Da wurdest du unwirsch & wolltest nicht mehr sein
mit jenen, die dich liebten
wolltest töten mit Steinwürfen
Das war dann die hysterische Grausamkeit des Irren
Du bin ja ich
Renn durch den Regen
den Großmüttern die Hüte vom Kopf schlagend
Spring in die Pfützen
Betrinke dich sabbernd & kotzend
Renn weg
Renn weg
Salzige Brandung in meinem Inneren
ich schließe die Augen mal wieder
achte reglos auf alles:
ein Gefühl, das wahrnimmt
Ruhe
Endstation
Langeweile

4.6.1990

Rosenknospen

wie weiche Flut, alkalisch
die ewige Jugend, pupurn & braun
schwarze, glänzende Wimpern um das Muschelfleisch
hart das weiße Porzellan
die elektrische, schmerzende Lust
der Schrei, nach hinten fallend
nochmals die Sehnsucht
beim Erwachen der Farben
dem Dampfen der alten Erde
zurück zu dir
das bin ich
nun allein
ich weiß, wovon ich spreche
das Gebet an deinem Ohr
die magnetischen Wellen
am zitternden Rückgrat
silberne Verpuppung, goldenes Erwachen
weil es wie Schmerz klingt
weil es wie Brandung schmeckt
weil ich dich liebe
wo kannst du nur sein?

19.2.1990

Die innere Häutung

Darmschlingen sich immer wieder aus dem Munde ziehen
& Lügen wie Sprechblasen blähen & ploppen lassen
dabei die Wangen wie Tonsuren konkav nach innen gesaugt
& die Augen hohl und bitter
auf die Wepennester ihrer Mumien gerichtet:
so alle Lappen fallen lassen!

11.3.1993

La Reine

Finsteres Blau hechelt im Tropfen
Schmerzschwarze Schlieren ziehen uns ab
Harzstreusel, quarzharter Schorf, sibirische Landschaft
Wenn der Körper uns drückt wie die blasige Walze,
überlängt in der Schwere des Plasmas,
gebären wir schleimige Lämmer
anstatt im Eishimmel zu schweben.
Ohnmacht umfängt den König der Olme
im nassen Kokon: schwitzende Erde
das Futteral ist seine Rüstung
Mondsperma träufelt endlos zu Fäden
& wie er auch entläßt ins Leere,
was ihn in schmerzender Schwangerschaft bläht,
so wird seine Nacktheit fetter
& fahl die schwarzen Augen,
die nichts sehen.

10.6.1991